{"id":396,"date":"2015-03-09T10:00:39","date_gmt":"2015-03-09T09:00:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zukunft-lankwitz.de\/?p=396"},"modified":"2015-03-01T15:11:10","modified_gmt":"2015-03-01T14:11:10","slug":"ich-will-doch-nur-spielen-ein-artikel-zum-nachdenken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zukunft-lankwitz.de\/?p=396","title":{"rendered":"Ich will doch nur spielen &#8211; Ein Artikel zum Nachdenken"},"content":{"rendered":"<p>ZEITmagazin\u00a05. September 2009\u00a0 von\u00a0Tanja Stelzer<\/p>\n<p>Eltern f\u00f6rdern ihre Kinder heute wie nie zuvor \u2013 und helfen oft mit Therapien und Medikamenten nach. Aber welchen Preis bezahlen die Kinder f\u00fcr den Erfolg?<\/p>\n<p>Vera Klischan, Schulleiterin der Hamburger Gorch-Fock-Grundschule, sitzt in ihrem B\u00fcro und wartet darauf, dass der Reisebus auf den Parkplatz vor ihrem Fenster rollt. Die 3b kommt von einer Klassenfahrt zur\u00fcck. Sie machen jetzt \u00fcbrigens Reisen v\u00f6llig ohne Programm. Eine Woche ausspannen. Nichts tun: im wohlhabenden\u00a0Blankenese\u00a0, wo die Grundschule liegt, ist das der wahre Luxus \u2013 f\u00fcr die Eltern mit ihren wichtigen Jobs wie f\u00fcr die Kinder, die nicht weniger besch\u00e4ftigt sind.<\/p>\n<p>Das ganze Land redet von F\u00f6rderung, davon, wie Kinder mithalten k\u00f6nnen im internationalen Vergleich \u2013 und diese Schule lernt das Runterkommen? Das Loslassen? Das hat damit zu tun, dass es den Kindern, die hier zur Schule gehen, nicht so blendend geht, wie man denken k\u00f6nnte. Obwohl zu Weihnachten und zu den Geburtstagen keine nennenswerten W\u00fcnsche ausgelassen werden, obwohl die Kinder gebildete Eltern haben, hoch- und h\u00f6chstqualifiziert im Beruf, f\u00fcrsorglich im Privaten. Diesen Kindern wird Aufmerksamkeit geschenkt, manche w\u00fcrden sagen: Sie werden so sehr geliebt wie keine Generation vor ihnen.<\/p>\n<p>Obwohl man also bessere Startchancen kaum haben k\u00f6nnte im Leben, ist es hier nicht anders als \u00fcberall sonst im Land, quer durch die Schichten: Kinder\u00e4rzte verschreiben sch\u00e4tzungsweise einem Drittel der Sch\u00fcler Stunden beim Ergotherapeuten, beim Logop\u00e4den, beim Lerntherapeuten. Man fragt sich, wann die Kinder Zeit haben, in ihren liebevoll eingerichteten Zimmern zu spielen: Sie gehen zum Hockey, zum Tennis, zum Segeln, zur Musikstunde, manchmal haben sie an einem Nachmittag zwei bis drei Programmpunkte zu absolvieren. Und dann eben noch die Therapie.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Vera Klischan, 57, ist seit 30 Jahren im Schuldienst und kennt die Namen der Therapeuten, regelm\u00e4\u00dfig schicken sie ihr Visitenkarten, Flyer, auf denen die Vorz\u00fcge der Praxis dargestellt werden, dazu ein freundliches Anschreiben: D\u00fcrfen wir uns vorstellen? An diesem Tag hat die Schulleiterin wie so oft einen Bewerbungsbrief von Eltern in der Post, die ihrem Dreij\u00e4hrigen einen Platz an der Schule sichern wollen, die einen ausgesprochen guten Ruf hat. Die Eltern schreiben, wie neugierig das Kind sei, dass es gern singe, ein Foto liegt bei.<\/p>\n<p>Dass sie solche Briefe bekommt, zeigt der Schulleiterin, wie sehr Eltern unter Druck stehen. &#8222;Bildungsangst&#8220; nennt Vera Klischan das, und es klingt nicht nach Vorwurf, sondern nach Mitleid. Sie glaubt, es ist diese Angst, die Kinder krank macht. Oder: die macht, dass wir sie krank reden.<\/p>\n<p>Blickt man auf die Statistik, w\u00e4chst an den Schulen eine Generation von Kranken und Gest\u00f6rten heran. 2007 bekamen mehr als 20 Prozent aller sechsj\u00e4hrigen Jungen, die bei der AOK versichert waren, eine Sprach-, 13 Prozent eine Ergotherapie. Seit Jahren steigt der Anteil der Kinder, bei denen Stimm-, Sprech- und Sprachst\u00f6rungen oder psychische, sensorische oder motorische St\u00f6rungen diagnostiziert werden. Einer Studie des Robert-Koch-Instituts zufolge sind knapp 18 Prozent der Jungen und 11,5 Prozent der M\u00e4dchen bis 17 Jahre verhaltensauff\u00e4llig oder haben emotionale Probleme. Bei 10 bis 11 Prozent eines Jahrgangs wird ein Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom festgestellt: ADHS. Forscher sagen au\u00dferdem eine Welle von Autismus- und Depressionsdiagnosen voraus, wie sie in den\u00a0USA\u00a0zunehmend bei Kindern gestellt werden, &#8222;und wir haben noch nie einen medizinischen Trend aus Amerika ausgelassen&#8220;, wie der Jugendforscher\u00a0Klaus Hurrelmann\u00a0sagt.<\/p>\n<p>Was ist nur mit unseren Kindern los? Stimmt mit so vielen von ihnen wirklich etwas nicht? Oder sind nur wir es, die \u00fcberkritischen Erwachsenen, die in ihnen Makel sehen, die fr\u00fcher niemand als solche wahrgenommen h\u00e4tte? Krankheit ist ja immer Definitionssache \u2013 jede Gesellschaft entscheidet f\u00fcr sich, welche k\u00f6rperlichen und psychischen Zust\u00e4nde sie tolerieren will und welche nicht. Jede Zeit produziert durch ihre Lebensbedingungen ihre Krankheiten: das Mittelalter die Pest, das 19. Jahrhundert die Hysterie, das 20. den Herzinfarkt \u2013 das 21. die Entwicklungsst\u00f6rung?<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnten eigentlich ziemlich gut wissen, wie es unseren Kindern geht, denn noch nie haben die Eltern der Mittelschicht ihre Kinder so intensiv beobachtet wie heute. Kindheit ist nicht mehr das, was sie mal war. Kinder spielen nicht mehr auf der Stra\u00dfe, sondern werden handverlesen von ihren Eltern verabredet. Es gibt keine Banden mehr, keine Pr\u00fcgeleien. Das ist beruhigend. Andererseits hei\u00dft es auch: Kinder lernen nicht mehr, mit all denen klarzukommen, die fr\u00fcher eben zuf\u00e4llig auch auf der Stra\u00dfe waren. Immer sind die Eltern der Filter.<\/p>\n<p>Eine erhellende Sozialstudie ist es, auf einem Spielplatz in Prenzlauer Berg die Eltern zu beobachten, die im Halbrund um den Sandkasten sitzen und einschreiten, sobald sich zwei Kinder um eine Schaufel oder einen Eimer zanken. Keines der Kinder muss lernen, eine L\u00f6sung f\u00fcr das Eimer- und Schaufelproblem zu finden. Das \u00fcbernehmen die Eltern, die sich in den Kampf st\u00fcrzen, um das erste Eigentum ihrer Kinder zu verteidigen gegen die Besitzanspr\u00fcche der Konkurrenten. Eine andere Gelegenheit zur Sozialstudie bietet sich morgens vor dem Schultor: Eltern, die f\u00fcr ihre Kinder die Tasche tragen.<\/p>\n<p>Kindheit 2009, das ist ein Leben im \u00dcberwachungsstaat, in einer Diktatur des Guten. Keine langweiligen Nachmittage zu Hause, weil immer irgendein Erwachsener f\u00fcr Besch\u00e4ftigung sorgt, keine \u00f6den Besuche bei Verwandten am Wochenende, sondern Zirkus, Museum, Konzert, Ballonfahren. Eltern wollen mit ihren Kindern hoch hinaus, wer wollte sich davon ausnehmen?<\/p>\n<p>Da gibt es ein Problem, sagt Remo Largo. Der Mann ist eine Institution. Seine B\u00fccher\u00a0<em>Babyjahre<\/em>\u00a0und\u00a0<em>Kinderjahre<\/em>\u00a0stehen in Millionen Eltern-B\u00fccherregalen. Der Arzt und Professor hat 35 Jahre lang die Abteilung Wachstum und Entwicklung des Z\u00fcrcher Kinderspitals geleitet, heute ist er im Ruhestand, was genauer bedeutet, dass er in seinem Haus \u00fcber dem Z\u00fcrcher See sitzt, Lindenbl\u00fctentee trinkt, die K\u00fche auf den Bergwiesen beim Grasen beobachtet und B\u00fccher schreibt dar\u00fcber, was ihm die Kinder, die er in seiner Laufbahn gesehen hat, beigebracht haben. Remo Largo ist ein n\u00fcchterner, sachlicher Mann, der seine Ausf\u00fchrungen gern mit Diagrammen belegt. An seiner Abteilung wurden zwischen 1954 und 2005 das Wachstum und die Entwicklung von etwa 800 gesunden Kindern dokumentiert, von der Geburt bis zum Alter von 20 Jahren. Wenn einer etwas dar\u00fcber wei\u00df, wie Kinder sich entwickeln, dann er.<\/p>\n<p>In Remo Largos letztem Buch\u00a0<em>Sch\u00fclerjahre<\/em>\u00a0finden sich zwei Schaubilder, die bittere Wahrheiten ausdr\u00fccken. Das eine zeigt, wie weit der Entwicklungsstand von gleichaltrigen Kindern auseinanderliegt. Ein gesundes Kind, das mit sieben Jahren in die zweite Klasse geht, kann so weit sein wie ein anderes, ebenfalls gesundes, mit f\u00fcnf oder aber wie noch ein anderes, keineswegs hochbegabtes mit neun. Werden alle diese Kinder etwa im gleichen Alter eingeschult, werden die einen chronisch unter-, die anderen \u00fcberfordert sein. Und sehr, sehr viele von denen am unteren Ende der Skala werden gedopt werden. Normale Kinder. Futter f\u00fcr Therapeuten, Nachhilfelehrer, die Pharmaindustrie.<\/p>\n<p>Das zweite Diagramm ist f\u00fcr ehrgeizige Eltern noch viel bitterer. Die statistische Wahrscheinlichkeit n\u00e4mlich, dass eine Mutter mit einem IQ von 130 eine Tochter bekommt, die so begabt ist wie die Mutter oder sie \u00fcberfl\u00fcgelt, betr\u00e4gt nur 16 Prozent. In 84 Prozent der F\u00e4lle, besagt Largos Kurve, wird die Tochter intellektuell weniger leistungsf\u00e4hig sein.\u00a0<em>Regression to the mean<\/em>\u00a0hei\u00dft das Ph\u00e4nomen, R\u00fcckentwicklung zur Mitte. Statistisch gesehen neigt der Mensch zum Mittelma\u00df \u2013 besonders intelligente, erfolgreiche Eltern haben also wenig Grund, anzunehmen, dass ihr Kind genauso intelligent und erfolgreich sein wird wie sie. Einstein hat geringe Chancen auf Einstein junior.<\/p>\n<p>Hoffnung besteht f\u00fcr die besonders dummen Eltern, die mit hoher Wahrscheinlichkeit ein weniger dummes Kind haben (das allerdings Gl\u00fcck braucht, damit sein Potenzial erkannt wird, aber das ist eine andere Sache). Auf den Kindern von besonders schlauen und erfolgreichen Eltern, die sich ertr\u00e4umen, dass ihr Kind ebenfalls eine gl\u00e4nzende Karriere absolviert, lastet also ein Druck, der sich antiproportional zu den realen F\u00e4higkeiten der S\u00f6hne und T\u00f6chter verh\u00e4lt.<\/p>\n<p>Die Linien der Diagramme, die Remo Largo mit dem Finger nachf\u00e4hrt, haben auch mit seinem eigenen Leben zu tun. Eine der drei T\u00f6chter des Professors ist G\u00e4rtnerin geworden. Er kann daran wenig Schlimmes finden, sie habe zwei Kinder und sei sehr gl\u00fccklich, sagt er. Vielleicht k\u00f6nne er auch deshalb so gelassen damit umgehen, weil er selbst aus einem Handwerkerhaushalt stamme, glaubt er. Andere Eltern, denen er begegnet ist, haben ihre pers\u00f6nliche Erfahrung der\u00a0<em>regression to the mean<\/em>\u00a0weniger cool genommen. Largo erz\u00e4hlt von tragischen Biografien, die er erleben musste. Ewige Studenten, st\u00e4ndige Versager, Drogenabh\u00e4ngige, Menschen, die sich das Leben genommen haben. All das, sagt er, weil sie die Erwartungen ihrer Eltern nicht erf\u00fcllen konnten.<\/p>\n<p>Ein Irrsinn, aus allen Kindern Banker machen zu wollen. Wenn fr\u00fcher einer eine drei in Mathe hatte, hie\u00df es: &#8222;Dann wird er halt Handwerker.&#8220; Heute hei\u00dft es: &#8222;Dann geht er halt zum Therapeuten.&#8220; F\u00fcr Largo handelt es sich um eine &#8222;hochgradige Hysterie der Erwachsenen&#8220;.<\/p>\n<p>Die Trauer um das ideale Kind, das man nicht bekommen hat, setzt schon mit der Schwangerschaft ein, die nicht so romantisch ist, wie man sie sich vorgestellt hatte. Und ist das Kind erst da, bittet man den Kinderarzt um ein Rezept. Weil das Baby endlich krabbeln soll. Weil das Kind mit zwei zwar schon 150 W\u00f6rter kann, aber lispelt. Weil die Dreij\u00e4hrige nicht sch\u00f6n genug malt. Weil der Sechsj\u00e4hrige nicht ruhig sitzt. Die Familie ist immer weniger zust\u00e4ndig f\u00fcr das Kind \u2013 immer mehr \u00fcbergibt sie an den Spezialisten, dem man mehr traut als der eigenen Intuition.<\/p>\n<p>Die Tragik des modernen Kindes ist: Es \u00fcbt und \u00fcbt, es geht zur Nachhilfe, aber es wird nicht besser. Der ganze F\u00f6rderbetrieb beruht auf der Annahme: Je mehr Input, desto mehr Output. Ein Kind aber, dem man mehr und mehr zu essen gibt, wird nicht gr\u00f6\u00dfer. Es wird blo\u00df dick. Und es wird mit dem Gef\u00fchl gro\u00df: Mit mir ist was nicht in Ordnung. Irgendwann, wenn das Kind dick genug ist, stimmt dieser Eindruck sogar.<\/p>\n<p>Das Drama, das wir zurzeit erleben, hat, wie Remo Largo glaubt, damit zu tun, dass die Kinder von heute Wunschkinder sind, dass sie nicht mehr &#8222;schicksalhaft geboren werden&#8220;. Ein Wunschkind hat wenige Geschwister \u2013 aber Kinder entwickeln sich vor allem \u00fcber andere Kinder (weshalb Largo ein vehementer Verfechter von Krippen und Ganztagsschulen ist). Am h\u00e4rtesten trifft es das Einzelkind: Es muss alle Erwartungen seiner Eltern allein schultern. Fatal, dass es der Selbstverwirklichung der Eltern dienen muss anstatt seiner eigenen, dass es ein Juwel werden soll, egal, wie sehr man an ihm herumschleifen muss, damit es glitzert und gl\u00e4nzt.<\/p>\n<p>Aber ist es nicht ein unglaublicher Fortschritt, werden manche einwenden, dass man all die St\u00f6rungen therapieren kann? Dass die Eltern von heute nicht mehr so autorit\u00e4r sind, dass sie ihre Kinder so sehr lieben, sie ernst nehmen, mit aller Kraft ihr Bestes wollen? Der Professor antwortet mit einer Gegenfrage: &#8222;Wissen Sie, wie viel Zeit Eltern f\u00fcr ihre Kinder aufbringen? Bei V\u00e4tern sind es 20 Minuten pro Tag. Und in Deutschland und den USA brechen nach einer Scheidung 50 Prozent der V\u00e4ter die Beziehung zu ihren Kindern im Lauf von zwei Jahren vollst\u00e4ndig ab. W\u00e4re das so, wenn sie ihre Kinder so wahnsinnig lieben w\u00fcrden?&#8220;<\/p>\n<p>Eltern schicken ihre Jungs zum Fu\u00dfball, die M\u00e4dchen ins Ballett. &#8222;Eltern tragen selber kaum zur Entwicklung ihrer Kinder bei&#8220;, sagt Remo Largo, &#8222;au\u00dfer dass sie sie herumkarren.&#8220; Der Aufkleber mit der Aufschrift &#8222;Taxi Mama \u2013 kostenlose Fahrten Tag und Nacht&#8220;, den sich manche M\u00fctter durchaus stolz ans Heck ihres Autos kleben, zeugt von dem Missverst\u00e4ndnis, dass das Chauffeursdasein der Eltern etwas mit Zuneigung zu tun haben k\u00f6nnte. Vielleicht auch von der Angst, ohne Programm nichts mit dem Kind anzufangen zu wissen?<\/p>\n<p>Andererseits: Was, verdammt, sollen Eltern tun, wenn der Lehrer kommt und sagt: Ihr Kind hat eine Legasthenie, eine Dyskalkulie, es sitzt nicht still, lassen Sie es mal auf ADHS testen, vielleicht ist es ja hochbegabt?<\/p>\n<p>Remo Largo h\u00e4lt Legasthenie und Dyskalkulie f\u00fcr Normvarianten von Lesen und Rechnen, die man nicht wegtherapieren kann. Die Mehrheit der hyperaktiven Kinder, sagt er, haben einen intensiven, aber ebenfalls normalen Bewegungsdrang. Was Kindern heute fehlt, sind nicht Therapien, sondern eine Welt, die ihnen gerecht wird, Beziehungen, die nicht auf Leistung aufbauen. Mit einem altmodischen, fast kitschigen Wort: Geborgenheit.<\/p>\n<p>Der Hirnforscher Gerald H\u00fcther erkl\u00e4rt, wie wichtig eine enge emotionale Beziehung zwischen Eltern und Kindern ist. Sprache etwa, sagt er, k\u00f6nnen Kinder nur dann gut lernen, wenn die Eltern in der Lage sind, die Worte emotional aufzuladen. Viele Eltern aber schafften diese emotionale Aufladung nicht mehr. Bei den Kindern kommt dann nur Geschw\u00e4tz an, das Gesprochene hat keine Struktur, keine Bedeutung f\u00fcr das Kind.<\/p>\n<p>H\u00fcther glaubt, dass man ADHS-Kinder therapieren muss, nur in aller Regel nicht mit Medikamenten. Er glaubt aber auch, dass diese St\u00f6rungen keine Erkrankungen der Kinder sind, sondern die zwangsl\u00e4ufige Folge eines Lebensstils, der menschliche Bed\u00fcrfnisse st\u00e4ndig verletzt.<\/p>\n<p>Das ist es, was in Gespr\u00e4chen mit allen Experten, ob Therapiebef\u00fcrworter oder -kritiker, auftaucht: der Wahnsinn, den es bedeutet, unsere eigene Atemlosigkeit auf unsere Kinder zu \u00fcbertragen. Die \u00c4rztin Inge Flehmig, die noch mit 84 Jahren das Hamburger Zentrum f\u00fcr Kindesentwicklung leitet, h\u00e4lt das Zappeln der unruhigen Kinder f\u00fcr einen permanenten Stabilisierungsversuch \u2013 so wie ein S\u00e4ugling, der noch kein Gleichgewicht halten k\u00f6nne, sich st\u00e4ndig bewege. ADHS-Kinder h\u00e4tten keine Balance, sie f\u00fchlten sich, als w\u00e4ren sie aus der Schwerelosigkeit des Weltraums ins Schwerefeld der Erde zur\u00fcckgekehrt.<\/p>\n<p>Die Einheitsschule, die mit der Rasenm\u00e4hermethode alle Kinder gleich zu stutzen versucht, deren Zeugnis nach der vierten Klasse \u00fcber den Berufsweg entscheidet \u2013 Gerald H\u00fcther nennt sie &#8222;ein Verbrechen, das an den Kindern begangen wird&#8220;. Gut in Mathe sind n\u00e4mlich, wie man herausgefunden hat, nicht die Kinder, die besonders viel Mathe \u00fcben, sondern die auch gut auf Balken balancieren k\u00f6nnen. Aber statt unsere Kinder auf B\u00e4ume klettern zu lassen, machen wir mit ihnen immer noch mehr Mathe. Wer wei\u00df, wozu das Singen gut ist, f\u00fcr das in der Schule oft keine Zeit mehr ist?<\/p>\n<p>Der Satz: &#8222;Warte mal, ich muss noch schnell\u2026&#8220; \u2013 die Autorin spricht ihn selbst viel zu h\u00e4ufig. Wie oft sehen wir unsere Kinder an und halten das, was wir sehen, f\u00fcr ein Spiegelbild unserer selbst? Wie oft denken wir den Satz: &#8222;Warum macht er das jetzt nicht? Ich hab das doch in dem Alter schon lange gekonnt!&#8220; Wir m\u00fcssen lernen, dass Kinder nicht Abziehbilder von uns selbst sind, nicht die Leinwand f\u00fcr unsere Projektionen. Sie geh\u00f6ren uns nicht \u2013 wir m\u00fcssen sie verteidigen gegen das R\u00e4derwerk, in dem wir selbst stecken.<\/p>\n<p>Was brauchen Kinder? Es lohnt sich, einmal in den B\u00fcchern von Janusz Korczak zu lesen, dem gro\u00dfen alten Mann der P\u00e4dagogik. Korczak forderte erstens das Recht des Kindes auf seinen eigenen Tod \u2013 das, etwas besser verdaulich, \u00fcbersetzt werden kann mit dem Satz: Wir d\u00fcrfen Kinder aus Angst, sie zu verlieren, nicht \u00fcberbeh\u00fcten. Er forderte zweitens das Recht des Kindes auf den heutigen Tag \u2013 wir sollen uns h\u00fcten, st\u00e4ndig auf die Zukunft des Kindes schielen. Und er forderte das Recht des Kindes, so zu sein, wie es ist \u2013 dazu geh\u00f6rt das Recht auf Misserfolg.<\/p>\n<p>Korczak starb 1942 im Konzentrationslager Treblinka, zusammen mit den Kindern aus dem Warschauer Waisenhaus, das er leitete. Mehrfach lehnte er Versuche, ihn zu retten, ab: Wenn die Kinder sterben sollten, dann auch er. Seine Maxime, den Bed\u00fcrfnissen von Kindern bedingungslos zu folgen, hat er durchgezogen, bis in den Tod.<\/p>\n<p>Der Gedanke, dass ihr Kind etwas nicht kann, ist f\u00fcr die meisten Eltern heute tabu. Umso attraktiver sind alle Therapien, die nahelegen, dass man etwas reparieren kann \u2013 am Kind wird herumgeschraubt wie an einem kaputten Auto. Eine Krankheitsdiagnose zu bekommen kann ungemein entlastend sein, weil sie bedeutet, dass die Eltern am Kind etwas \u00e4ndern k\u00f6nnen \u2013 und an sich selbst nichts \u00e4ndern m\u00fcssen. Das ist \u00fcbrigens derselbe Grund, warum Psychotherapien im Gegensatz zu anderen Therapien so selten von Eltern nachgefragt werden. Da gehts zu sehr ans Eingemachte. Kinderpsychotherapeuten begutachten n\u00e4mlich immer auch die Eltern.<\/p>\n<p>Dass diese oft nicht in der Lage sind, ihr Kind vor der Gleichmacherei zu sch\u00fctzen, liegt daran, dass sie selbst zu sehr unter Druck stehen \u2013 und das betrifft nicht nur die Mittel- und Oberschicht. W\u00e4hrend diese ihre Kinder verlieren, weil sie sie zu sehr vorantreiben, ersetzt in der Unterschicht die Spielkonsole oft die Verbundenheit zu den Eltern. Das Ergebnis ist gleich: Beziehungslosigkeit. Und das bedeutet immer: eingeschr\u00e4nkte Entfaltungsm\u00f6glichkeiten f\u00fcr die Kinder. Ihr Gehirn, sagt Gerald H\u00fcther, wird zu einer K\u00fcmmerversion dessen, was daraus h\u00e4tte werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Ulrike Kegler ist Schulleiterin in\u00a0Potsdam\u00a0. 2007 hat sie den Schulpreis gewonnen; gerade ist ihr Buch\u00a0<em>In Zukunft lernen wir anders<\/em>\u00a0erschienen. In ihrem B\u00fcro sitzen sie oft: die Eltern, die nach unz\u00e4hligen Therapien ihrer Kinder nicht mehr weiterwissen und dann um einen Platz an der Montessorischule bitten, wo es keine Noten gibt und kein Melden und Drannehmen oder Nichtdrannehmen, wo die Kinder am Boden liegen d\u00fcrfen, wenn sie schreiben oder malen oder rechnen.<\/p>\n<p>Auf dem Besprechungstisch in ihrem B\u00fcro hat Ulrike Kegler einen kleinen japanischen Zen-Garten mit Sand und Harke aufgebaut. Irgendwann, sagt sie, f\u00e4ngt jedes der Kinder an, mit der Harke den Sand zu bearbeiten, und da k\u00f6nne man viel beobachten: Es gibt Eltern, die jedes K\u00f6rnchen wegwischen, andere, die am\u00fcsiert zugucken. Man sieht, wie geduldig die Eltern sind, wie vertraut mit ihren Kindern, wie sie reagieren, wenn etwas nicht gelingt. Viele sch\u00f6ne Momente erlebe sie da, aber sie lese an diesen Situationen auch viele Schwierigkeiten zwischen Eltern und Kindern ab.<\/p>\n<p>Sie kennt sie, die Siebenj\u00e4hrigen, die zur Begr\u00fc\u00dfung sagen: &#8222;Ich hab ein ADHS-Syndrom.&#8220; Wenn so ein Satz f\u00e4llt, sagt Ulrike Kegler: &#8222;Was? Du hast sch\u00f6ne Locken, blaue Augen, ein sch\u00f6nes T-Shirt!&#8220; Dann schickt sie das Kind zur Besichtigungstour durch die Schule und spricht allein mit den Eltern: Wie ruhig sind Sie selbst? Wie leben Sie Ihren Alltag? Wie oft essen Sie zusammen? Wie verbringen Sie Ihre Ferien?<\/p>\n<p>Unglaubliches, sagt Ulrike Kegler, geschehe, wenn man die ADHS-Diagnose nicht mehr in den Mittelpunkt stelle. Wenn man Kindern F\u00f6rderung auf ihrem Niveau anbiete. Wenn man die Eltern darin unterst\u00fctze, ihr Kind zu akzeptieren, wie es ist.<\/p>\n<p>Nun k\u00f6nnen nicht alle Eltern ihre Kinder auf eine Montessorischule schicken. Aber statt sie von einem Sport- zum Musikkurs zur Therapie zu fahren und 25 Kinder zum Geburtstag einzuladen, k\u00f6nnen sie Ulrike Keglers Liste der sinnvollen Alltagsdinge beherzigen:<\/p>\n<p>Etwas vorlesen.<br \/>\nZusammen kochen.<br \/>\nAuf einen Berg klettern.<br \/>\nBall spielen.<br \/>\nGemeinsam aufr\u00e4umen.<br \/>\nFahrrad statt Auto benutzen.<br \/>\nGar nichts machen.<\/p>\n<p>Irgendwie scheinen wir Erwachsenen eine ziemlich simple Sache vergessen zu haben: Kinder wollen doch nur spielen. Vielleicht sollten wir sie zur Abwechslung einfach mal lassen. Und, wenn es sein muss, selber zum Therapeuten gehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"padding-bottom:10px; padding-top:5px;\" class=\"hupso-share-buttons\"><!-- Hupso Share Buttons - https:\/\/www.hupso.com\/share\/ --><a class=\"hupso_toolbar\" href=\"https:\/\/www.hupso.com\/share\/\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/static.hupso.com\/share\/buttons\/lang\/de\/share-medium.png\" style=\"border:0px; padding-top: 5px; float:left;\" alt=\"Share Button\"\/><\/a><script type=\"text\/javascript\">var hupso_services_t=new Array(\"Twitter\",\"Facebook\",\"Google Plus\");var hupso_background_t=\"#EAF4FF\";var hupso_border_t=\"#66CCFF\";var hupso_toolbar_size_t=\"medium\";var hupso_image_folder_url = \"\";var hupso_url_t=\"\";var hupso_title_t=\"Ich%20will%20doch%20nur%20spielen%20-%20Ein%20Artikel%20zum%20Nachdenken\";<\/script><script type=\"text\/javascript\" src=\"https:\/\/static.hupso.com\/share\/js\/share_toolbar.js\"><\/script><!-- Hupso Share Buttons --><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ZEITmagazin\u00a05. September 2009\u00a0 von\u00a0Tanja Stelzer Eltern f\u00f6rdern ihre Kinder heute wie nie zuvor \u2013 und helfen oft mit Therapien und Medikamenten nach. Aber welchen Preis bezahlen die Kinder f\u00fcr den Erfolg? Vera Klischan, Schulleiterin der Hamburger Gorch-Fock-Grundschule, sitzt in ihrem B\u00fcro und wartet darauf, dass der Reisebus auf den Parkplatz vor ihrem Fenster rollt. Die [&hellip;]<\/p>\n<div style=\"padding-bottom:10px; padding-top:5px;\" class=\"hupso-share-buttons\"><!-- Hupso Share Buttons - https:\/\/www.hupso.com\/share\/ --><a class=\"hupso_toolbar\" href=\"https:\/\/www.hupso.com\/share\/\"><img src=\"https:\/\/static.hupso.com\/share\/buttons\/lang\/de\/share-medium.png\" style=\"border:0px; padding-top: 5px; float:left;\" alt=\"Share Button\"\/><\/a><script type=\"text\/javascript\">var hupso_services_t=new Array(\"Twitter\",\"Facebook\",\"Google Plus\");var hupso_background_t=\"#EAF4FF\";var hupso_border_t=\"#66CCFF\";var hupso_toolbar_size_t=\"medium\";var hupso_image_folder_url = \"\";var hupso_url_t=\"\";var hupso_title_t=\"Ich%20will%20doch%20nur%20spielen%20-%20Ein%20Artikel%20zum%20Nachdenken\";<\/script><script type=\"text\/javascript\" src=\"https:\/\/static.hupso.com\/share\/js\/share_toolbar.js\"><\/script><!-- Hupso Share Buttons --><\/div>","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5,28],"tags":[113,114,115,116],"class_list":["post-396","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kinder-und-jugendliche","category-zeitung","tag-anforderungen","tag-druck","tag-leistung","tag-ueberforderung"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.zukunft-lankwitz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/396","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.zukunft-lankwitz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.zukunft-lankwitz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zukunft-lankwitz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zukunft-lankwitz.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=396"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.zukunft-lankwitz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/396\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":397,"href":"https:\/\/www.zukunft-lankwitz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/396\/revisions\/397"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.zukunft-lankwitz.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=396"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zukunft-lankwitz.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=396"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.zukunft-lankwitz.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=396"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}